DIE SCHATZ INSEL

Ein streng geschützter Archipel im Atlantik ist der Sehnsuchtsort der Brasilianer: Fernando de Noronha, das grüne Juwel des Landes, steht komplett unter Naturschutz. Nur wenige Besucher finden den Weg hierher. Dabei hätte es auch ganz anders kommen können.

Saskia Engelhardt
Artikel von: Saskia Engelhardt

Saskia Engelhardt hat zehn Jahre für die Reise- und Beilagenredaktion der "Süddeutschen Zeitung" gearbeitet. Zu ihren Spezialgebieten zählen Genuss- und Outdoor-Themen sowie Italien. Heute lebt sie mit ihrem Mann und drei Kindern am Gardasee.

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Ein streng geschützter Archipel im Atlantik ist der Sehnsuchtsort der Brasilianer: Fernando de Noronha, das grüne Juwel des Landes, steht komplett unter Naturschutz. Nur wenige Besucher
finden den Weg hierher. Dabei hätte es auch ganz anders kommen können.

Mutter Natur hat viele hübsche Töchter, und alle haben sie ihre Reize – mal eher verborgen, mal sehr offensichtlich zur Schau getragen. Doch diese sich im Meer räkelnde tropische Grazie ist geradezu schockierend schön. Ihre opulente Pracht spottet jeder Beschreibung, und schon das erste Blind Date verzaubert Verehrer. So viel Lieblichkeit will man nicht mit Nebenbuhlern teilen. Kein Wunder also, dass die Brasilianer ihren Sehnsuchtsort, ihre Schatzinsel, vor dem Rest der Welt ziemlich gut versteckt haben. „Fernando de Noronha? Nie gehört.“ Ein unscheinbarer Punkt auf dem Globus, eine Fingerbreite südlich des Äquators, ein paar hundert Kilometer vom Festland entfernt im Atlantik. Vor mehr als 500 Jahren landete der Entdecker Amerigo Vespucci auf Fernando de Noronha. Er notierte: „Klare Wasser und unendlich viele Bäume, wunderschöne Vögel, die aus der Hand fressen, ein herrlicher Hafen: Hier ist das Paradies.“ Als mahnender Finger aus Vulkangestein erhebt sich tiefschwarz der Morro do Pico 323 Meter in die Höhe. Darüber wölbt sich in hellem Stahlblau und verziert mit ein paar versprenkelten, bettlakenweißen Wolkentupfen der Himmel über dem Archipel. Darunter liegen dunkelgrün der Wald, ockerfarben die Felsen, goldgelb der Sand, changierend von Türkis nach Dunkelblau das Wasser. Das ganze Farbenspiel auf einen Blick bietet sich nach einer kurzen Wanderung durch den Dschungel. Plötzlich liegt einem der menschenleere Praia do Sancho zu Füßen, dessen halbkreisförmige Bucht von 50 Meter hohen Steilwänden eingekesselt wird und der deswegen nur über eine Eisentreppe zu erreichen ist. Er gilt in Brasilien als der schönste Strand des Landes. Nebenan bietet die Bucht Baía dos Porcos eine weitere Traumansicht mit glasklaren Pools und dem schäumenden Weiß der heranrauschenden Wellen.

DAS MEER STEHT UNTER NATURSCHUTZ

Im verschlafenen Ort Vila dos Remédios altern die Relikte der Kolonialzeit. Fort, Kirche und Inselpalast werden bewacht von rostenden Kanonen und geschmückt von blühenden Flammenbäumen. Kutschen rattern zwar keine mehr über das ausgefahrene Kopfsteinpflaster, normale Mietwagen auch nicht, dafür aber an und ab ein bunter Strandbuggy. Damit fahren Kenner zum Mittagessen ins Restaurante Mergulhão am Hafen, wo es den besten Fisch gibt, dann für Caipis und Livemusik zur Bar Duda Rei am Praia da Conceição, und abends zu Zé Maria, dem bekanntesten Gastgeber der Insel. Eine Partyinsel ist Fernando de Noronha aber nur über Weihnachten, wenn der Jetset aus Sao Paulo und Rio de Janeiro einfliegt. Ansonsten setzen die paar Tausend Bewohner ganz auf Ökotourismus. Es reiten Surfer fünf Meter hohe Wellen am Cacimba do Padre. Taucher schätzen die fantastische Sicht von bis zu 50 Metern, und dass es die Großfische des Atlantiks hier in großer Zahl zu sehen gibt. „Die Natur ist auf Fernando de Noronha eben so gut geschützt wie in keiner anderen Region Brasiliens“, sagt Carina Abreu von der staatlichen Naturschutzbehörde Ibama. Zwei Drittel der Hauptinsel und ein Großteil des Meeres wurden vor etwa 25 Jahren als Nationalpark ausgewiesen. Hier sind die Regeln besonders strikt: Das Fischen ist komplett verboten, der Zugang je nach Schutzzone mehr oder weniger streng reglementiert. „In der Baía dos Golfinhos erholen sich jeden Morgen viele Hundert Spinnerdelfine von der nächtlichen Jagd. Da darf niemand mit dem Boot hinein – aber mit dem Fernglas kann man die Tiere sehen“, sagt die Naturschützerin. Andere Buchten dürfen nur mit einem Guide besucht werden.

Normale Mietautos gibt es auf der zehn Kilometer langen und drei Kilometer breiten Insel nicht. Die Gäste der Insulaner fahren in geländegängigen Spaßmobilen zu den einfachen, guten Restaurants oder den Stränden. ©iStock

Der menschenleere Praia do Sancho gilt als der schönste Strand Brasiliens und ist nur über eine kleine Eisentreppe zu erreichen. © iStock

Die Strände, an denen Meeresschildkröten ihre Eier ablegen, werden nachts gesperrt, damit niemand die Tiere stört. Wer am Praia do Atalaia im Felsenpool schnorcheln will, muss sich anmelden: Nur Auserwählte dürfen in die natürlichen Badewannen, in denen sich junge Riffhaie tummeln. Sonnencreme ist tabu, eine Schwimmweste Pflicht – damit Korallen und Schwämme überleben. In der Baía do Sueste vermessen Mitarbeiter der Naturschutzorganisation Tamar derweil ausgewachsene Meeresschildkröten. Besucher können dabei zusehen und mit etwas Glück sogar selbst Hand anlegen. Den Rest der Insel kontrolliert ein vier Aktenordner dicker Managementplan: Wo der Nationalpark endet, beginnt ein Naturschutzgebiet, erklärt Carina Abreu. „Fast 100 Prozent von Fernando de Noronha stehen auf die eine oder andere Weise unter Schutz.“ Sage und schreibe sechs Behälter stehen zur Auswahl für die Mülltrennung; alles wird zurück ans Festland verschifft. Auch sonst sind die Regeln des Inselverwalters, der im Auftrag des Bundesstaates Pernambuco Regie führt, recht streng. Zuzug ist kaum möglich: Nur wer einen Insulaner heiratet, darf dauerhaft hier wohnen. Die Zahl der Touristen ist auf 246 pro Tag limitiert – wer kommt, muss außerdem eine Umweltsteuer entrichten. Das Naturparadies hat sich zum Sehnsuchtsort der Brasilianer entwickelt. Die wenigen, die Fernando de Noronha bereits besucht haben, bekommen glänzende Augen, wenn von der exklusiven Insel die Rede ist. Alle anderen träumen davon, eines Tages einmal hinfliegen zu können. „Ich kenne viele schöne Plätze auf der Welt. Aber keinen, an dem es so viele schöne Plätze zusammen gibt“, sagt auch Jürgen Kunze, ein mit einer Insulanerin verheirateter Deutscher, der sich mit der Vermittlung von Unterkünften einen Lebensunterhalt verdient. „Das Leben ist zwar extrem teuer: Alles kostet doppelt bis dreimal so viel wie auf dem Festland. Doch auf der Insel wohnen zu können ist ein Privileg, das alles ausgleicht.“ Das grüne Juwel vor der Zerstörung gerettet haben die Bewohner der Insel. „In den 80er-Jahren wollte die Militärregierung Fernando de Noronha in ein zweites Cancún verwandeln“, berichtet Domício Cordeiro, ein Alteingesessener. „Geplant waren eine Marina, ein Terminal für Kreuzfahrtschiffe und Resorts für Millionen von Touristen.“ Als Fernando de Noronha später vom Bundesstaat Pernambuco verwaltet wurde, sollte ein Casino angesiedelt werden. Die Inselbewohner protestierten jedes Mal und forcierten die Ausweisung strenger Schutzgebiete. „Natürlich sind wir jetzt mehr fremdbestimmt als früher“, sagt Domício Cordeiro. „Aber nur so konnten wir das Schlimmste verhindern.“ Den Kampf gegen Massentourismus haben die Insulaner aber gewonnen: Seit Fernando de Noronha von der UNESCO zum Welterbe erklärt worden ist, wird am Status des Archipels nicht mehr gerüttelt.

„Nachts legen die Schildkröten ihre Eier am Strand“ © GettyImages